Die ersten Tage nach der Operation

Vor drei Jahren erkrankte ein Freund an Krebs, einem Prostatakarzinom. Ich hatte mich mit derartigen gesundheitlichen Themen nie befasst und von einem PSA-Wert hörte ich zum ersten Mal.

In Bezug auf die meine eigene Gesundheit war ich deshalb plötzlich sensibilisiert, und nachdem ich meine Abneigung gegenüber Arztpraxen und meine Ängste vor schlimmen Diagnosen überwunden hatte, machte ich ein paar Wochen später zum ersten Mal einen Termin bei einem Urologen zur Vorsorgeuntersuchung. Bis zu diesem Zeitpunkt dachte ich noch: „Gehst du zum Arzt, dann findet der immer etwas.“ Also war ich jahrelang nicht zum Arzt gegangen und schon gleich gar nicht zum Urologen.

Die Vorsichtsmaßnahme wurde dann doch zur Regel und zwei Jahre später zeigte der Bluttest einen kontinuierlichen Anstieg des PSA-Wertes, eines Markers, der auf eine mögliche Krebserkrankung hinweist. Der Urologe überzeugte mich, dass bei mir eine Gewebeentnahme aus der Prostata (mittels Stanzbiopsie) durchgeführt werden müsste.

Wenn ich mich auch absolut gesund fühlte und der Überzeugung war, dass das Ergebnis der Probe negativ sein würde, war das Warten auf das Resultat eine Zeit zwischen Hoffen und Bangen. Leider zeigte die Gewebeprobe aber, dass auch bei mir ein Karzinom, also eine Krebsgeschwulst der Prostata vorlag.

Es war pure Bestürzung, die mich selbst wie auch meine Frau erfasste. Aber sie stand mir bei und machte mir Mut, die bittere Diagnose seelisch zu verarbeiten. Statt schwarz zu sehen schöpfte ich Kraft, um das, was uns bevorstand, kämpferisch anzugehen.

In dieser Zeit gab es Momente, in denen ich davon träumte, dass die Diagnose ein Irrtum sei. Momente in denen ich zweifelte, überhaupt krank zu sein. Dann wieder sah ich mich an langen, quälenden Tagen dem Gefühl gegenüber, dass mein Leben nur noch an einem seidenen Faden hing.

Nach vorn zu blicken heißt, sich mit den verschiedenen Therapiemöglichkeiten auseinander zu setzen, und mein Urologe überzeugte mich, dass in meinem Fall eine Operation – die radikale Prostatektomie – der richtige Weg für mich wäre, was bedeutet, die ganze Prostata mit ihrer Kapsel, den anliegenden Samenbläschen und den örtlichen Lymphknoten zu entfernen.

Zwischen der Diagnose und dem Operationstermin lagen zwei lange Monate. 61 Tage geprägt von der Angst, der Tumor könnte in dieser Zeit weiter wachsen und ich könnte womöglich bald daran sterben. Auch wenn meine Frau es sich nicht anmerken ließ, ich wusste, dass sie genauso besorgt war wie ich und dass auch sie unter Schlafstörungen litt. Da half uns auch die Erklärung nicht, dass Prostatakrebs im Allgemeinen zu den langsam wachsenden Tumoren zählen würde – besonders in fortgeschrittenem Alter. Rückblickend bin ich sicher, dass uns beiden in dieser Zeit ein psychologischer Beistand gut getan hätte.

Ich war überzeugt, dass sich meine Schlafstörungen legen würden, sobald ich den Eingriff hinter mir und sich damit alle Unruhe erledigt hätte. Und tatsächlich versicherte mir der Urologe nach der Operation, der Tumor wäre klein gewesen und komplett entfernt worden, was auch der endgültige histologische Befund bestätigte. Aber ab dem Aufwachen aus der Narkose schlichen sich ganz allmählich wieder Unsicherheit und Angst ein, der Tumor könnte sich ausgebreitet haben. Die Bedrohung durch den Krebs ließ mir keine Ruhe, zumal mir klar war, dass Krebspatienten auch nach erfolgreicher Operation noch jahrelang unter Beobachtung bleiben müssen.

Dank professionellem Zuspruch, Fürsorge und guter Pflege verging die Zeit im Krankenhaus sehr schnell, und meine Stimmung hellte sich auf, angesichts der Erwartung, dass am 7. postoperativen Tag der Dauerkatheter gezogen werden sollte. Derartige medizinische Manipulationen sind nicht angenehm, aber es leuchtet ja schon das Licht am Ende des Tunnels, die Aussicht darauf, das Krankenhaus endlich verlassen zu können, alles hinter sich zu lassen und letztlich endgültig geheilt zu sein.

Dann erlebte ich die erste Folge der Therapie. Beim Aufrichten – ob im Sitzen oder im Liegen, beim Husten, Niesen, bei der kleinsten körperlichen Anstrengung verlor ich Urin. Ich hatte überhaupt keine Kontrolle mehr über meine Blase und erhielt Vorlagen von der Krankenschwester, um mich vor durchnässter Unterwäsche und feuchten Hosen zu bewahren. Ich fühlte mich ins Babyalter zurückversetzt. Es war nicht nur der peinliche Urinverlust. Zusätzlich hatte ich auch Schmerzen im Dammbereich, und ich war erschöpft. Ein Ziehen in der Leiste bis zum linken Hoden beunruhigte mich. Bei einer Ultraschall-Kontrolle konnte dann zu meiner Beruhigung die Ansammlung von Lymphflüssigkeit im kleinen Becken ausgeschlossen werden. Alles war also soweit in Ordnung. Das sagte man mir und tat damit alle Peinlichkeit ab, die offenbar nur mich so sehr belastete.

Als die Entlassung aus dem Krankenhaus bevorstand, klärte mich der Arzt über die Funktion des äußeren Schließmuskels auf, der dafür sorgt, den Urin kontrolliert zu halten oder abzulassen. Dieser Muskel sollte nun allein eine Aufgabe übernehmen, für die zuvor der innere und äußere Schließmuskel sowie die Prostata gemeinsam verantwortlich waren, die ja beide (der innere Schließmuskel und die Prostata) bei der Operation entfernt worden waren.

Natürlich hatte man mich vorab über die Folgen wie einer möglichen Inkontinenz aufgeklärt. Aber mal ganz ehrlich: Wenn es um Leben und Tod geht, dann denkt man nicht lange darüber nach, dass man Windeln tragen muss. Und vermutlich hatte ich auch gar nicht richtig zugehört. Jedenfalls war mir nicht bewusst gewesen, dass ich nun zum zweiten Mal in meinem Leben lernen musste, meinen Harndrang zu kontrollieren.

Es gab also nur noch den äußeren Schließmuskel, und der musste nun trainiert werden, damit durch ihn das Wasserhalten garantiert werden konnte.

Nach Empfehlung meines Urologen begab ich mich in eine Fachklinik für onkologische Rehabilitation, die darauf spezialisiert ist, Prostatapatienten nach deren Operation zu rehabilitieren. Am Aufnahmetag fragte man mich nach meinem Bedarf an Vorlagen. Mittlerweile konnte ich schon etwas leichter über dieses Thema sprechen, aber ich errötete dennoch. Ich benötigte vier Vorlagen tagsüber und zwei Vorlagen in der Nacht, ganz abgesehen von einem ständigen Harndrang und ganz zu schweigen von sexueller Aktivität, die ich noch kurz vor der Operation genossen hatte.

Obwohl mir der Operateur versichert hatte, dass nervenerhaltend operiert worden sei, vermisste ich die morgendlichen Erektionen, die mich seit meiner Pubertät begleitet hatten und mein Penis wirkte täglich kleiner. Spontane sexuelle Reaktionen, wenn meine Frau mich küsste und mich umarmte, schienen endgültig verloren, auch wenn wir noch so sehr das Verlangen nach körperlicher Vereinigung verspürten. Ich „konnte“ ganz einfach nicht. Und der Erotik tat es auch nicht gut, mich als einen Mann in Windeln zu betrachten.

Welche Möglichkeiten hatte ich überhaupt, wieder ein „ganzer Mann“ zu werden? Meine schlaflosen Nächte waren mir erhalten geblieben, und ich konnte nicht verdrängen, dass ich nun ein Tumorpatient war, vom Maskulinum zum Neutrum mutiert, ohne Prostata und ohne die Potenz, wenn schon nicht zeugungsfähig, so doch sexuell aktiv zu sein und intime Momente mit meiner Frau zu erleben lag in weiter Ferne. Kurz und gut: Ich war am Ende. In mir machten sich Antriebs- und Energielosigkeit breit. Ich sah die Zukunft in den düstersten Farben.

Erst im Laufe der Zeit habe ich ermessen können – sozusagen „am eigenen Leibe“ erfahren, was der Begriff „Krankheitsverarbeitung“ tatsächlich bedeutet.

Vakuumtherapie
„Als ich die Vakuumpumpe ausprobiert habe, habe ich es genossen, dass der Penis einmal wieder mit Blut gefüllt war.“

Ergänzend – Fallbeschreibung:
Oben genannter Patient hat sich einer nerverhaltenden radikalen Prostatektomie bei Prostatakarzinom unterzogen. Das Operationstrauma führte trotz subtil durchgeführter Nerven-Präparation zur erektilen Dysfunktion. Zum Funktionserhalt der Schwellkörpermuskulatur wurde dem Patient ein PDE-5-Hemmer empfohlen. Aufgrund der Unverträglichkeitsreaktionen verbunden mit Herzrasen, Muskelschmerzen wurde das Medikament abgesetzt.

Der Patient nahm an einem urologisch-medizinischen Beratungsgespräch teil. Zur erektilen Rehabilitation bekam der Patient eine Vakuumpumpe. Nach ausführlicher Erklärung der Wirkungsweise der Vakuumpumpe, möglicher Nebenwirkungen und Komplikationen, insbesondere bei Antikoagulation, Demonstration und praktischer Anleitung führte der Patient die Behandlung selbständig durch und war mit dem Verlauf sehr zufrieden.